16.01.2012

Warum eine Überhöhung der Technik zu Denkfaulheit führt

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©Gunnar Sohn

Der Philosoph des politischen Absolutismus, der Engländer Thomas Hobbes, machte sich eine bereits gängige Vorstellung aus dem 16. Jahrhundert zu eigen, wenn er zu verstehen gab, der Staat, der Zusammenschluss der Menschen zu einer Einheit, eben der „Staatskörper“, sei wie jeder Körper eine Maschine, ein von einem Uhrwerk angetriebener Automat. In den Debatten über Technik, Maschinen und Algorithmen gewinnt man den Eindruck, dass sich an dieser mechanistischen Betrachtung der Welt bis heute wenig geändert hat.

Die Personifizierung von Maschinen

Im Diskurs über die vermeintliche Diktatur von Algorithmen gibt es die Tendenz zur Personifizierung von Technik, die ein Eigenleben hat. Mensch und Maschine stehen sich in einem Teufelspakt gegenüber. „Wir nennen das die Animation des Toten. Menschen gehen offensichtlich viel lieber und leichter mit Lebendigen um als mit Toten. Wenn ich mir meinen Dosenöffner, der gerade abgerutscht ist und mich verletzt hat, als beseelt denke, kann ich ihn beschimpfen. ‚Du blöder Dosenöffner. Irgendwann schmeiß ich Dich in den Müll‘. Das macht man mit seinem Laptop, mit seinem Auto und generell mit Technik. Dabei weiß jeder, dass die toten Dinge mich gar nicht verstehen können“, so Dr. Gehard Wohland, Leiter des Instituts für dynamikrobuste Höchstleistung http://www.comperdi.de/, im Gespräch mit Service Insiders.

Entlastungsargumente

In der Psychologie nennt man das Projektion. Die Maschinenwelt wird mit Seele aufgeladen, um sich emotional zu entlasten. „Das ist eine enorme Fähigkeit von Menschen. Wenn man aber die tote Maschinenwelt verstehen will, wie sie zusammenhängt und funktioniert, dann darf man sie nicht beseelen. Sonst kommt im Wechselspiel von Mensch und Maschine zu viel Toleranz ins Spiel. Ich höre auf zu denken. Das gilt auch für die Moralisierer, die der Technik böse Absichten unterstellen. Wer einen Schuldigen in der Maschinenwelt verortet, unternimmt keine weiteren Denkanstrengungen mehr. Die Maschine ist aber keine Person. Wenn ich den Stecker ziehe, tut sie gar nichts mehr. Maschinen sind immer Werkzeuge von Menschen. Auch der Algorithmus wird von Menschen gemacht und benutzt. Niemand kann mich daran hindern, einen Algorithmus zu programmieren, der vielleicht besser ist als das, was Google und Facebook auf den Markt bringen. Das ist ein sinnvoller Standpunkt. Wer von bösen, manipulativen und bedrohlichen Algorithmen redet, steht sich selber im Weg, zu klaren Erkenntnissen zu kommen“, sagt Wohland. Eine Simplifizierung der Maschinenwelt bringe uns nicht weiter. Da komme nur Unsinn heraus. Generell sieht Wohland die Tendenz kritisch, Technik zu überhöhen - im negativen und positiven.

Die Über- und Unterschätzung von Technik

„Wenn neue Technik in die Welt kommt, gibt es immer zwei Tendenzen: Die Technik und das Potenzial der neuen Technik zu übertreiben oder zu verteufeln. Organisationen haben beides im Bauch. Sie übertreiben den Einsatz von Technik, wenn es um Steuerung und Prozesse geht. Man tut so, als sei alles durchschaubar. Gefragt ist nur die richtige Software und schon funktioniert das alles. Bei hoher Dynamik braucht man allerdings auch Menschen und ihre Kompetenzen, um Wertschöpfung zu erzielen. Dieser Punkt wird häufig übersehen. Auf der anderen Seite macht man Dinge, die längst von einer Maschine bewältigt werden können. Etwa bei der Unterscheidung einer Beschwerde und einer Adressänderung“, erläutert der Experte für Systemtheorie.

Warum Controller und Management unwichtig sind

Sein Rat: In jeder Organisation sollte man nach diesen Übertreibungen suchen. Wer sie findet, besitzt wertvolle Potenziale, um sich zu verbessern. „Vom Controlling wird verlangt, eindeutige Prognosen für die Zukunft zu liefern. Mit einem Plan, einem Budget und allem, was damit zusammenhängt. Dann tun die Controller das, was man von ihnen erhofft. Aber die Controller nicht natürlich die ersten, die sehen, dass das alles nicht zusammenpasst. Kein Plan tritt tatsächlich ein. Die Zeiten sind längst vorbei, die komplexen Vorgänge in Wirtschaft und Gesellschaft prognostizieren zu können. Wir nennen das oft Basar- oder Theaterkommunikation. Jeder spielt eine Rolle. Jeder weiß, dass er eigentlich Unsinn redet. Und der Gesprächspartner weiß es auch. Also passiert nichts Besonderes. Es ist wie bei des Kaisers neuen Kleidern. Es darf keiner kommen und das Ganze tatsächlich so beschreiben, wie es ist – der fliegt in der Regel raus. Der stört das System“, weiß Wohland. Die Intelligenz eines Unternehmens liege weder beim Controlling noch beim Management. Sie liege bei der Organisation selbst. „Dynamikrobuste Höchstleister arbeiten nicht mit Wissen, sondern mit Talenten, Ideen und Phantasie. Deswegen ist eine Nachahmung nur schwer möglich“, resümiert Wohland.

Text: Gunnar Sohn

 

Komplettes Interview als Audioaufzeichnung:

  Bibliotheksgespräch: Zur Übertreibung und Verteufelung von Technik by gsohn

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